Distant Shore - Sterne der See

Von Tanja Bern

Verlorener Kampf

Ben wagte es kaum, in Kristins müde Augen zu sehen. Diese verdammte Krankheit wischte jeden Glanz aus ihrem Blick. Das fand er viel schlimmer als den Verlust ihres wunderschönen Haares.
Er griff nach Kristins Hand und wusste nicht genau, ob er damit versuchte, ihr Trost zu spenden, oder ob er diesen bei ihr suchte. Seine Schwester war immer die Stärkere gewesen, schon von Kind an. Sie hatte ihn auf sanfte Weise geführt, ihn bedingungslos verteidigt und stets zum Lachen gebracht. Doch während der letzten zwei Jahre raubte der Krebs ihr jegliche Kraft, verzehrte sie von innen, und Ben musste es mit ansehen.
„Hat Mama die Unterlagen weggeschickt?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.
„Ja, hat sie. Mach dir darüber keine Sorgen. Wenn du hier wieder raus bist, ist die Bestätigung sicher schon da.“
Kristin lachte rau.
„Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass du fährst.“
„Ich? Soll ich mit nach Irland, oder wie meinst du das?“
„Ben … du weißt, was der Arzt gesagt hat.“
„Ach, die haben dir schon so oft den …“
Sie unterbrach ihn, indem sie seine Hand drückte. Er sollte das Wort nicht in den Mund nehmen.
… Tod prophezeit, dachte er den Satz zu Ende.
Schon zweimal hatte sie erbittert dagegen angekämpft! Für einen Moment schloss Kristin die Augen, und Ben starrte auf die Infusionsflasche, die durch einen dünnen Schlauch mit ihrem Arm verbunden war. Kristin lallte ein wenig, und er fragte sich, ob sie nur einen Flüssigkeitsausgleich bekam oder wieder Schmerzmittel. Er linste auf das Etikett und schluckte die aufkeimenden Empfindungen herunter. Es war ein Opiat.
„Was ist dieses Mal anders, Kristin?“, fragte er mit dunkler Stimme.
Ihre Hand hob sich und strich leicht über seine unrasierte Wange.
„Ach Ben, das weißt du nicht ...?“
Er wollte nicht verstehen, was sie andeutete.
Ich brauche dich!, wollte er ihr zurufen, aber ihm blieben die Worte im Hals stecken. Hier ging es nicht um ihn, und er hatte nicht das Recht, etwas von ihr zu verlangen.
„Fahr du für mich.“
„Kristin, ich fahre doch nicht in den Urlaub, wenn es dir so schlecht geht.“
Ihr Blick versetzte ihm einen Stich ins Herz, so als hätte ihn dort ein winziger Pfeil getroffen.
„Ich hab dich lieb, Ben“, flüsterte sie. Ihn durchfuhr ein Schauer.
„Hey, Kleines, fang nicht an, dich zu verabschieden. Du schaffst diese blöde Chemo auch dieses Mal.“
Kristin schüttelte den Kopf.
„Sie haben sie abgesetzt.“
„Was?!“
„Ben, kannst du mir einen Gefallen tun?“
Er nickte nur, denn ihre Aussage hatte ihn sprachlos gemacht.
„Ich würde so gerne einen Kaffee aus der Cafeteria trinken. Diese Brühe hier auf der Station ist furchtbar.“
„Ich hol dir einen. Bin gleich wieder da.“
Ben wandte sich zum Gehen, doch ein ungutes Gefühl hielt ihn zurück. Er drehte sich wieder um, küsste Kristin zart auf die Wange und wisperte:
„Ich hab dich auch lieb, Schwesterchen.“
Ihr Lächeln erwärmte sein Herz und schenkte ihm trotz aller dunklen Prognosen einen Hauch von Hoffnung. Dann ging er rasch durch die hellen Flure, stieg in den Aufzug und fuhr hinunter ins Erdgeschoss, in dem sich das Café des Krankenhauses befand. Vor der Theke hatte sich eine Schlange gebildet, und er stellte sich hinten an. Nervös begann er, mit den Knöpfen seines Hemdes zu spielen. Einen drehte er so lange, bis er sich von den Fäden löste und aus seinen Fingern rutschte. Der Knopf hüpfte über den Boden und rollte fort.
„Verflixt!“, raunte er, krabbelte unter einen Tisch, an dem glücklicherweise niemand saß, und langte nach dem Knopf. Erneut wollte er sich in die Warteschlange reihen, doch seine Lücke hatte sich inzwischen geschlossen. Man ließ ihn nicht mehr hinein. Innerlich verfluchte er diese sturen Menschen und stellte sich notgedrungen wieder ans Ende. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich an der Reihe war, musste neuer Kaffee gekocht werden, und er wartete ungeduldig, bis die Maschine endlich durchgelaufen war.
Unruhe überfiel ihn. Er wollte zurück zu Kristin! Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Ben verdrängte diesen Gedanken, nahm die beiden Tassen und balancierte sie zum Aufzug.
Zurück in Kristins Zimmer stellte er die Becher auf dem kleinen Tisch ab und sah zu seiner Schwester. Sie war eingeschlafen. Sollte er sie wecken? Kristin hasste lauwarmen Kaffee. Besorgt betrachtete Ben ihre schlafende Gestalt. Ihr Gesicht wirkte friedlich und entspannt. So sah sie noch zerbrechlicher aus als sonst. Das flüssige Opiat tröpfelte unbeirrt weiter, und er hoffte, dass es ihr wirklich die Schmerzen nahm.
Dann stutzte er.
Sein Herz begann zu rasen.
Atmete sie nicht mehr?
„Kristin?“
Sanft fasste Ben sie an der Schulter.
„Hey, Kleines!“
Kristin reagierte nicht. Und das Gefühl, das er stets für sie empfunden hatte, wenn sie in seiner Gegenwart weilte, war verschwunden. Jetzt empfand er nur eine seltsame Leere. Eine Leere, die er noch nicht fassen konnte. Unbeholfen fühlte er ihren Puls und fand ihn nicht.
Ben stürzte aus dem Raum und rannte zum Schwesternzimmer.
„Meine Schwester atmet nicht mehr! Kommen Sie schnell!“
Die Stationsschwester schaute ihn an, und für einen kurzen Moment lag ein alarmierter Ausdruck in ihrem Blick. Dann aber reagierte sie völlig anders als Ben erwartet hatte. Ganz ruhig kam sie auf ihn zu und legte ihm tröstend ihre Hand auf seinen Arm.
Aufgebracht schüttelte er sie ab.
„Meine Schwester ...!“
„Herr Evers ...“, unterbrach sie ihn.
„Ihre Schwester lag im Sterben.“
„Aber Sie müssen doch …“
„Ich komme, aber ich kann nichts mehr für sie tun. Es tut mir sehr leid.“
Sie schlurfte mit ihren Gesundheitsschuhen in die Onkologie. Ben blieb verstört zurück.
… nichts mehr für sie tun.
Eine innere Stimme flüsterte: Kristin ist tot.
Begreifen konnte Ben das nicht. Eine unbändige Wut stieg plötzlich wie brodelnde Lava in ihm hoch. „Nur wegen diesem Kaffee!“, zischte er und trat gegen einen der Besucherstühle.
Eine der anderen Schwestern sagte etwas zu ihm, aber er hörte sie nicht richtig. Alles drang nur noch wie durch Watte zu ihm durch. Dann spürte er Feuchtigkeit auf seinen Wangen. Unwirsch fuhr er sich über die Augen und lief zurück zum Krankenzimmer. Die Schwester hatte die Nadel aus Kristins Arm entfernt und deckte ihr Gesicht mit dem Laken zu. Diese Geste war so endgültig, dass etwas in Ben zerbrach.
„Soll ich Ihre Eltern benachrichtigen, oder möchten Sie das selbst tun?“
Ben reagierte nicht, er konnte es nicht.
Sein Blick blieb starr auf Kristins zierlicher Gestalt haften, die sich unter der weißen Decke abzeichnete.
„Herr Evers?“
„Ich …“
Wieder verschleierten Tränen seine Sicht, und er musste blinzeln.
„Ist alles in Ordnung, Herr Evers?“
Er schüttelte den Kopf und stürmte aus dem Raum. Nur fort von hier! Er ließ den Aufzug hinter sich, rannte in das Treppenhaus und hastete die Stufen herunter.

*

Ben registrierte, dass er auf dem Parkplatz stand, der zu jenem kleinen See gehörte, an dem Kristin und er in all den vergangenen Jahren so viele schöne Stunden verbracht hatten.
Wie war er hierher gekommen?
Er konnte sich kaum daran erinnern, wie er zu seinem Wagen gelangt war, geschweige denn zum See. Fahrig wischte er sich über das Gesicht. Sein Handy klingelte, doch er ignorierte es.
Was wollte er hier?
Abschied nehmen, dachte er und kämpfte gegen die Trauer an, die ihn mit all ihrer Macht zu überwältigen drohte. Er sah sich um. Kein Auto parkte heute hier. Das Wetter machte jedem Ausflug einen Strich durch die Rechnung. Feiner Sprühregen benetzte die Umgebung und hinterließ überall winzige Wassertropfen, die wie Perlen schimmerten.
Nachdem Ben ausgestiegen war, lief er durch die Feuchtigkeit zu dem kleinen Pfad, der zu dem Badeweiher führte. Niedrig gewachsene Eichen umgaben den Weg. Ihre knorrigen Äste neigten sich weit hinunter, so als wollten sie prüfen, wer dort zu ihrem See spazierte. Den Kragen seiner Weste schlug er hoch, den Blick senkte er zum moosigen Boden. Der kleine Weiher kam in Sicht, und Ben verharrte für einen Augenblick, schaute auf das Wasser. Sachte schwappten die Wellen an das sandige Ufer. Wind wehte durch die Eichenzweige, und das Schilfgras am anderen Ufer wiegte sich leicht hin und her.
Ben versank in Erinnerungen.
Wie oft hatten sie hier mit ihren Freunden am Weiher gesessen? Schon als Kinder nutzten sie dieses Gebiet als Abenteuerspielplatz. Später war es ein Treffpunkt für viele Aktivitäten. Vor seinem inneren Auge sah er Kristins flatternde blonde Zöpfe, hörte ihr ansteckendes Lachen, das immer über den ganzen See hallte.
Nun war sie fort, und er stand allein im Regen am Weiher und wagte sich kaum zum Wasser, weil er fürchtete, den Zauber der Vergangenheit zu brechen.
Kälte überfiel ihn, die wie Eis in seine Seele drang. Immer wieder stiegen Tränen in ihm auf, die Ben jedes Mal unterdrückte und nicht an sich heran ließ. Eine Familie Wildgänse kam aus dem Wasser und steuerte neugierig auf ihn zu.
„Ich habe nichts“, flüsterte er.
Ein trauriges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Kristin hatte immer etwas altes Brot in ihrer Tasche gehabt. Ob die Gänse sich daran erinnerten? Ob sie wussten, dass Kristin zu ihm gehörte?
Schließlich lief er doch zum Strand und setzte sich in den nassen Sand, den man vor langer Zeit hier für die Kinder der Umgebung aufgeschüttet hatte. Die Gänse schnatterten und zupften am Gras, interessierten sich nicht mehr für ihn. Feine Regentropfen hüpften auf dem Wasser des Weihers und verzierten ihn mit allerlei Mustern.
Ben zog die Knie an, legte den Kopf darauf und versuchte, an gar nichts zu denken. Er ignorierte die Nässe, die durch seine Kleidung kroch und ihn frösteln ließ. Er wollte nur den Schmerz vertreiben, der in seiner Seele brannte.

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