Distant Shore - Gold der Dünen

Von Tanja Bern

Heimkehr

Ben wagte nicht, den Blick von der Straße zu nehmen, weil nur eine niedrige Trockenmauer auf der linken Seite vor dem Abgrund schützte. Dieser Weg war ein Drahtseilakt, denn er kämpfte immer noch mit der irischen Fahrweise. Er musste sich erneut an den Linksverkehr gewöhnen. An der nächsten Kreuzung überlegte er, ob er die asphaltierte Straße nehmen sollte oder eine Strecke, die dem Navi unbekannt und auf der Landkarte nur mit »other road« beschriftet war. Ben wählte den Kiesweg.


Nach kurzer Zeit raubte diese Piste ihm wegen der Schlaglöcher regelrecht den Verstand und womöglich den Auspuff, falls er in diesen Vertiefungen hängen blieb. Er konnte nur vorsichtig um die Krater herumfahren, seine Spur musste aussehen, wie die eines Betrunkenen.
Der Umweg zu den niedrigen Klippen am südwestlichen Ende Irlands lohnte sich dennoch. Dies sagte ihm ein Gefühl, das sich auf der stundenlangen Fahrt zurück nach Kerry nicht hatte abschütteln lassen.


Seine Zwillingsschwester Kristin hatte vor ihrem Tod ein Gedicht verfasst, und er musste endlich genau an diesen Ort, den sie dort beschrieben hatte, um wenigstens einen Hauch ihrer Gegenwart zu spüren, ob diese nun eingebildet war oder nicht.
Ben konnte nur ahnen, wo sie gesessen hatte, um es aufzuschreiben. Damals war Kristin in seiner Wohnung gewesen, um ihm ihre Fotos zu zeigen. Zwischen den Bildern befand sich auch eines, das den Ort zeigte, der sie zu jenen Zeilen inspiriert hatte. Das Foto klebte nun an seinem Armaturenbrett. Hinten hatte Kristin »Straße in Dingle« aufgekritzelt. Es war ihre Angewohnheit gewesen, Bilder auf diese Weise zu beschriften.
Er fuhr nun die dritte Straße entlang. Die Erhebung, von der man die schroffen Klippen auf dem Foto sehen konnte, blieb noch verschollen. Der Weg führte nun ein wenig landeinwärts, und Ben wollte schon umkehren, als zwischen einigen Sträuchern eine Anhöhe auftauchte, die ihm die Sicht zum Meer versperrte. Aus einem Impuls heraus hielt er den Wagen an. Die Stimme seiner Schwester hallte in ihm nach: »Dieser kleine Hügel tauchte ganz unvermittelt auf, und ich musste einfach nachschauen, was dahinter ist. Ben, das hättest du sehen müssen! Das kann kein Foto einfangen, das muss man sehen und spüren …«
Ben stieg aus, sog den mittlerweile vertrauten Geruch von Torf ein und schloss einen Moment die Augen, um die Brise zu genießen, die ihm sanft das Gesicht streichelte.


Entschlossen lief er über die Wiese. Der Boden unter ihm fühlte sich schlammig an, war aber durchsetzt mit kleinen Felsbrocken. Das Gras ließ sich davon nicht abhalten zu wachsen. Seine Halme bildeten Farbflecke in spiegelnden Pfützen.
Er wandte sich kurz um, die Schotterstraße blieb hinter ihm zurück. Sie verschwand langsam im sich ausbreitenden Abenddunst. Es herrschte eine besondere Stille vor. Nur der Wind säuselte. Ben nahm seine eigenen Tritte im Morast sehr deutlich wahr.


Vor ihm erhob sich die Anhöhe. Ben sah nach oben zum Hügelkamm, spürte das Meer wie eine greifbare Sehnsucht. Ein Lächeln huschte ihm übers Gesicht. Er hätte es nie für möglich gehalten, dass er sich nach der rauen See Irlands verzehrte. Entschlossen kletterte Ben den Hang hinauf. Sein Herz klopfte schneller, er legte die Hand sachte auf seine Hosentasche, in der sich zusammengefaltet ein Zettel seiner Schwester verbarg. Es fühlte sich an wie ein Versprechen.
Ben roch nun den intensiven Geruch des Atlantiks. Aufgeregt beschleunigte er seine Schritte. Oben angekommen verharrte er und war augenblicklich gefangen genommen von dem Bild, das sich ihm bot.


Das Meer schien sich an den Hügel schmiegen zu wollen, nur die niedrigen Klippen verhinderten eine wirkliche Berührung mit dem Erdreich. Wellen brachen sich an den dunklen Felsen, regelmäßig spritzte die Gischt auf wie ein Geysir. Der Duft entfernter Wälder mischte sich in die Seeluft. In der Ferne trotzte die Ruine eines alten Cottage der Zeit. Die Abendsonne tauchte alles in ein goldenes Licht. Einige Wolkenfetzen schimmerten in Blutrot.
Ben war verzaubert. Kristin hatte in ihrem Gedicht genau diese Landschaft beschrieben. Wie viel Wahrheit sich doch in ihren Worten verbarg. Irland streckte seine Magie nach ihm aus, und er verfing sich rettungslos in dem Gefühl, hier in der Fremde zu Hause zu sein.
»Du wusstest, dass ich Irland verfalle, oder?« Seine Worte galten Kristin, die ihm hier an diesem Ort viel näher war, als in Deutschland, wo er mit ihr aufgewachsen war und wo sich ihre Urne tief im Erdreich befand.


Ben griff in seine Hosentasche, holte den kostbaren Zettel hervor, faltete ihn vorsichtig auseinander, weil das Papier an den Knickstellen schon sehr empfindlich war. Erneut flüsterte er die Zeilen vor sich hin: »Wo sich die See an grüne Hügel schmiegt. Das Fremde uns in Sicherheit wiegt. Wo Meeressalz in Wäldern schwebt. Sich an der Küste Sehnsucht erhebt. Wo Ruinen der Zeit widerstehen, dort will ich dich wiedersehen. Wenn sich das Meer an Klippen bricht, im rotgoldenen Abendlicht. Sieh mich in der Brandung am fernen Strand. Das Herz von Irlands Zauber gebannt.«
Ben sah auf. Sein Blick schweifte in die Ferne, und er betrachtete den helleren Streifen, der einen schmalen Strandabschnitt zeigte. Er stellte sich vor, wie Kristin genau dort mit nackten Füßen durch die seichten Wellen lief. Tief in seiner Erinnerung hörte er ihr Lachen.
Mit einem Blinzeln wandte er sich ab und starrte auf die Klippen. Kristin war tot, und nichts brachte sie zu ihm zurück. Er faltete das Gedicht zusammen und verbarg es wieder in seiner Hosentasche.
Ob sie genau hier gesessen hat? Womöglich auf dem flachen Stein dort?


Ben setzte sich dort nieder und dachte an seine Familie, an seine Freunde in Deutschland … und an Hanna. Sie wartete sicher schon auf ihn, aber dies hier musste er ohne sie tun. Ben war sich nicht sicher gewesen, ob er die Fassung wahren konnte, und er wollte vor ihr nicht diese besondere Schwäche zeigen. Um Kristin trauerte er lieber allein. Sie verstand das.
Mit einem Seufzen beobachtete er die Wolkengebilde, die sich ständig veränderten. Hier fand er endlich die nötige Ruhe. In seiner Heimat verlief sein Leben viel hektischer. Jeder erwartete etwas von ihm, sei es eine Erklärung oder auch nur einen Anruf. Dies überforderte ihn seit Kristins Tod mehr als zuvor. Nach den Wochen im Ruhrgebiet kam ihm seine Rückkehr wie eine Offenbarung vor. Er hatte in Deutschland unzählige organisatorische Dinge erledigen müssen. Ben hatte zudem seinen Eltern persönlich erklärt, warum er für längere Zeit in dem Land bleiben wollte, das seine Schwester so geliebt hatte. Sie waren nicht sehr glücklich über sein Vorhaben.
Ben kehrte gedanklich zu Kristin zurück. Insgeheim hatte sie immer gehofft, hier den Mann ihrer Träume zu finden. Dies war ihr all die Jahre verwehrt geblieben. Stattdessen freundete sie sich mit der Frau an, die nun zu seinem Lebensmittelpunkt geworden war. Tränen verschleierten ihm den Blick. Er schluckte.
»Wie konnte das alles nur passieren, Kristin?«, fragte er leise.
Noch vor ihrem Tod hatte sie dafür gesorgt, dass er diesen besonderen Ort finden würde. Hoffte sie womöglich damals schon, dass er und Hanna …?
Es sähe ihr ähnlich.
Ben lachte heiser und fröstelte in einer rauen Brise, die unerwartet über den Hügel fegte, als wolle die Natur ihn vertreiben.
Nein, nicht vertreiben, dachte Ben. Vorantreiben!
Trotz seiner melancholischen Gedanken überstrahlte eine Erkenntnis alles andere. Er spürte sie wie einen warmen Sonnenstrahl auf der Haut.
Ben war heimgekehrt.

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